Ein Blick auf die Fighting Game Community – Ist Sexismus ein Teil ihrer Kultur?

Die Beat-em-Up-Community unter der Lupe.

Nicht jeder spielt sie, aber die meisten werden sie wohl schon einmal gesehen haben und wahrscheinlich bei einem Kumpel auch mal angezockt haben: Fighting Games, Beat em Ups (kurz: Bemus), Prügler, oder wie man sie auch nennen mag. Spiele wie Street Fighter, Tekken oder Blazblue sind dabei für viele nur Zeitvertreib, der nach kurzer Zeit und wildem Button Mashing langweilig wird.

Für andere wiederrum sind diese Spiele mehr als nur ein Langeweile-Killer. Für sie stellen diese Spiele die ultimative Möglichkeit dar, sich in einer kompetetiven Situation zu beweisen, den Gegner im 1 gegen 1 zu bezwingen, in dem es nur auf die eigenen Fähigkeiten und das Reaktionsvermögen ankommen.

Fighting Games – Auf dem Sprung in den Mainstream

Im sich immer weiter öffnenden eSport-Markt rückt auch die FGC, die Fighting Game Community, immer weiter in den Fokus der spielebegeisterten Internet-Öffentlichkeit. Streams wie Team Spooky sind längst auch Nicht-Bemu-Spielern bekannt und erwecken mit der schnellen Action das Interesse von Neugierigen. Events wie die jährlich stattfindende Evolution ziehen tausende Zuschauer an, die dem Spektakel beiwohnen, bei dem nur derjenige mit dem größten Skill siegreich hervorgehen kann. Die Größe des Events und die Zuschauerzahlen steigen dabei von Jahr zu Jahr und repräsentieren damit das Wachstum der Szene als ganzes. Dieses Wachstum herrscht dabei vor allem in den USA, die mittlerweile ihre eigene Bemu-Kultur gebildet haben.

Aber nicht alles ist so rosarot, wie es sich zuerst einmal anhört. Die Community ist im Inneren zerstritten. Grabenkämpfe zwischen den Anhängern verschiedener Spiele mehren sich, manche fühlen sich in der Öffentlichkeit unterrepräsentiert, andere monieren die Kommerzialisierung von Events. Einen einheitlichen Konsens gibt es nicht, zu verschieden sind die Meinungen und einzelne Stimmen sprechen sich sogar dafür aus, wieder zu den Wurzeln zurückzukehren und große Events und Streams komplett einzustampfen, um den Einfluss von Investoren und Sponsoren zu entgehen, die ihre Fühler auch immer mehr in die FGC hineinwachsen lassen.

Bislang konnten diese Diskussionen in einem Umfeld geschehen, das die Bemu-Szene zwar registrierte, aber sich nicht zu sehr in die internen Meinungsverschiedenheiten einmischte. Die FGC lebte bislang nicht isoliert, aber getrennt, nur ihren eigenen Kodizes unterworfen. Genau diese Kodizes und Verhaltensweisen geraten nun genauer auf den Prüfstand.

Ein Hort für Menschen aller Rassen…

Die FGC in den USA war noch nie für ihre Positivität und ihre großartigen Manieren bekannt, viel mehr herrscht auf Events ein harter Slang vor, bei dem auch Wörter fallen, die beim ein oder anderen sauer aufstoßen könnten. Äußerungen, die man vorschnell als rassistisch interpretieren könnten, gehören beinahe zur Tagesordnung. Dabei handelt es sich aber nur um einen Ausdruck der Rohheit und ist für viele Anhänger auch ein sehr positiver Aspekt, denn die erdrückende Last der Political Correctness gilt in den Grenzen der Szene nicht. Jedem ist klar, dass eigentlich beleidigende Aussprüche nicht ernst gemeint sind und daher gibt es auch keine Probleme.

Die Community der USA lässt sich, im Gegenteil, sogar als perfektes Beispiel vom friedlichen Miteinander verschiedenster Rassen und Hautfarben nehmen. Weiße, Schwarze und Asiaten spielen zusammen, diskutieren über das Spiel und haben Spaß. Wer Bezug auf die Rasse eines Spielers nimmt, tut dies meistens mit einem großen Augenzwinkern und mit der Idee, Vorurteile für ein paar lockere Lacher auszuspielen.

Ist die Verteilung der Hautfarben aber noch so gleichmäßig, muss jedem Zuschauer aber schon nach kurzer Zeit ein Umstand sehr ins Auge fallen.

…aber nicht aller Geschlechter?

Der Fakt ist, dass Frauen in der Community so gut wie überhaupt keine Rolle spielen. Frauen stellen nur einen winzigen Teil der Spielerschaft und (vermutlich, da es genaue Erhebungen nicht gibt) auch nur einen winzigen Teil der Zuschauerschaft. Weibliche Spieler gibt es zwar, doch kämpfen sie meistens nur in eigenen Frauen-Turnieren, die aber selbst nur eine Randerscheinung und sehr selten sind.

Man mag keinen Anstoß daran nehmen, denn Fighting Games scheinen doch die Essenz von “Jungsspielzeug” zu sein. Es geht um Kräftemessen, es geht um Dominanz. Auf dem Bildschirm verprügeln sich zumeist Muskel bepackte Helden oder schöne Frauen. Das Zielpublikum sind Männer, das wird sehr schnell klar.

Frauen sind also eine Seltenheit auf Events. Was aber hat das zur Folge? Wer nicht vertreten ist, kann sich auch nicht verteidigen. “Frauenfeindliche” Sprüche sind, ebenso wie “rassistische”, gang und gäbe auf Events, wenn das Thema Frauen überhaupt in den Mund genommen wird. Dies ist auch ein Ausdruck der lockeren Atmosphäre und dem Fehlen des Zwangs durch Political Correctness. Auch wenn man keinen Persil-Schein für die gesamte Community ausstellen kann, muss man einen Großteil dieser Sprüche in das Reich der Vorurteilsspielerein einordnen, die man ja auch bei rassistischen Themen verzeiht.

Aber genau hier ist der Ansatzpunkt für eine jüngst losgetretene Diskussion, die die Community auf die Probe stellt und die ultimativ sogar das mittelfristige Schicksal entscheiden könnte.

Anlass des Streits

Die Ausgangslage: Mit dem Release von Street Fighter X Tekken steht ein großer Moment für die FGC bevor. Das Spiel wird jetzt schon mächtig gehyped und jeder versucht so viele Infos darüber einzuholen wie er kann.

Da ergibt es marketingtechnisch schon durchaus Sinn, als Publisher offiziell etwas zu unterstützen, dass dem Spiel vor dem Release noch massig Publicity einbringt und gleichzeitig auch der Community an sich die Chance gibt, sich zu zeigen.

Die Show: In einer vom Publisher Capcom unterstützten Show namens Cross Assault konnten professionelle Bemu-Spieler und Größen der Community das Spiel Street Fighter X Tekken für eine Woche spielen. Dabei wurde gestreamt, so dass man live dabei sein konnte, wenn Pros neue Combos ausprobieren und sich vorsichtig in die ersten Matches stürzten. Eigentlich eine gute Idee, was also ist das Problem?

Miranda (links) auf dem Stream

Die Eskalation

Es begab sich dann, das sich der Community Manager von twitch.tv (eine große Streamingseite, die den eSport aktiv unterstützt) Jared Rea per Skype einschaltete, um mit der versammelten Mannschaft ein wenig über ihr Wachstum und ihre Zukunft zu reden. Ein Anlasspunkt zur Sorge war dabei die negative Einstellung gegenüber Neueinsteigern und vor allem gegenüber Frauen. Rea deutete an, dass genau diese Sachen einen größeren Durchbruch von Fighting Games im Mainstream verhindern, denn aus seiner Sicht würden sie zu viele Zuschauer verschrecken.

Was folgte war eine Stellungnahme von Aris Bakhtanians, der als Coach auf dem Event präsent war. Wer sich den gesamten Dialog anhören möchte, kann das HIER tun (springt bis 1:45:00 im Video). Ansonsten ein paar Zitate von Aris aus seiner Verteidigung:

“Sexuelle Belästigung ist ein Teil der Kultur. […] Wir machen das schon seit 15 Jahren so. […] Du kannst uns die Belästigung nicht nehmen. […]”, nur, um einige Beispiele zu nennen. Im Hintergrund kann man dabei einige der anwesenden FGC-Protagonisten lachen hören (wobei es, zu ihrer Verteidigung, auch sein könnte, dass sie über das Spiel lachen, was zeitgleich gespielt wird).

Etwas später schaltet sich dann auch eine der wenigen weiblichen Teilnehmer ein. Die Spielerin mit dem Namen Miranda versucht dabei Aris klarzumachen, dass Belästigung kein Spaß ist und sie sich dadurch angegriffen fühlt. Natürlich trifft diese vorsichtige Klage auf taube Ohren und Miranda wird gnadenlos untergebuttert.

Das Gespräch endet dann darin, dass ein sehr konsterniert wirkender Jared Rea schließlich die Konversation verlässt. Aris hat gerade im Namen der gesamten FGC die sexuelle Belästigung von Frauen verteidigt und als zentrales, obligatorisches Element ihrer Kultur dargestellt. Dies war an Tag 5.

Schon an Tag 1 spielten sich Szenen ab, die klar machten, dass Aris dies nicht einfach nur aus “Spaß” gesagt hat. In diesem Video wird Miranda pausenlos mit chauvinistischen Sprüchen bombardiert.

Wie gesagt, das war Tag 1. Man kann sich vorstellen, wie “toll” das gesamte Event für Miranda gewesen sein muss.

Die dunkle Seite der Community?

Aris hat seinen Punkt sehr klar gemacht. Für sich sprechen kann jeder, aber spricht Aris auch für das Groß der Community? Genau dies ist nun der Streitpunkt der Diskussion. Eine generelle Aussage zu machen, ist dabei natürlich äußerst schwierig, aber zumindest lassen sich Trends feststellen.

Klar wird es einige Leute geben, die Aris 100% zustimmen werden. Solche Leute gibt es immer. Dann aber gleich eine gesamte Community in einen Topf zu werfen, ist aber mindestens genau so unsinnig.

Das Problem ist, dass Aris selbst einen Punkt angesprochen hat, der zwischen seinen anderen Aussagen leider völlig untergeht, aber doch treffend festhält, was viele eigentlich denken. Man könnte sogar argumentieren, dass er selbst eigentlich nur diesen Punkt unterbreiten wollte und es einfach nur falsch aussehen lassen hat. Es handelt sich um genau die Aussage, die ich auch etwas weiter oben schon beschrieben habe: In der FGC gibt es keine Political Correctness.

Diese Political Incorrectness macht dabei vor nichts halt, weder vor der Rasse, noch vor dem Geschlecht. Aris selbst sagt dazu, dass es ein zentraler Teil der Kultur ist und ein Grund, warum er sich in ihr so wohl fühlt.

Nimmt man diese Aussage isoliert, so würden wahrscheinlich viele Mitglieder zustimmen. Es ist genau diese Atmosphäre der Ungezwungenheit, die aktiv gelebt wird, auch aktiv gestreamt wird und möglicherweise einer der Gründe ist, die laut Jared Rea viele potenzielle Zuschauer abschreckt. Was eigentlich nur eine Konsequenz der Befreiung aus den gesellschaftlichen Ketten ist, wirkt eben auf den ersten Blick wie Hass.

Ich möchte Aris nicht als Advokat vertreten. Seine Wortwahl war im besten Fall höchst ungeschickt und hat der Community als ganzes einen Bärendienst erwiesen. Das Bild der Fighting Game Community ist nun erheblich beschmutzt und andere Communities, die vielleicht schon sowieso ob des internen Umgangs die Nase gerümpft haben, zeigen nun mit dem Finger und nutzen die Chance, ihren moralischen Highground auszuspielen. Inwieweit sich manche da nicht vielleicht selber etwas an die eigene Nase fassen müssten, will ich hier gar nicht thematisieren.

Zumindest hat das ganze eines gebracht: Es hat eine Diskussion angeregt. Und wie die Vergangenheit zeigt, kann aus solchen Sachen etwas neues, besseres erwachsen. Ich hoffe sehr, dass genau dies zutrifft, denn selbst wenn man sich nicht für Beat em Ups interessiert: Die FGC ist Teil des eSports und wenn sie wächst, wächst mit ihr der eSport.

Veröffentlicht von Gerrit | Artikel

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